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Auf die Fläche, fertig, los

Die Kanz Financial Holding (KFH) stellt die Weichen für die Weiterentwicklung zum vertikalen Spezialisten "rund ums Kind"

Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was die Kanz Financial Holding (KFH) mit ihrem Markenportfolio in den nächsten Jahren vorhat, können Besucher der Mall of Berlin bereits jetzt erhaschen. Da gibt es den ersten Flagship-Store des niederländischen Labels lief! Lifestyle, mit allem, was Kinder brauchen: Vom Fahrradhelm bis zum Babybody. Nur wenige Meter weiter befindet sich der Sons&Daughters-Laden, dem Retailkonzept der KFH. In direkter Nachbarschaft verkauft ein „Build A Bear"-Laden individualisierte Teddybären. Alle drei Konzepte sind wesentliche Bausteine, mit der sich die KFH für die Zukunft aufstellen möchte.

Für CEO Harald Hepperle gibt es drei Trends, die den Kindermodemarkt in Zukunft prägen werden. Erstens: Die Überlegenheit vertikaler Multilabel-Konzepte - natürlich auf Multichannel-Ebene - gegenüber dem Monolabel-­Handel. Zweitens: Der Wunsch der Konsumenten nach Erlebnis und Entertainment. Und schließlich drittens: Die damit verbundene gestiegene Anforderung an den Handel, ganze Erlebniswelten abzubilden. Einen Teil der Antwort will Hepperle mit den jüngsten Zukäufen der KFH geben.

Da wäre zum einen lief! Lifestyle. Die niederländische Lifestyle-Marke rund ums Kind ist vor allem in Benelux erfolgreich und bietet mit 50 Lizenzpartnern neben Textilien ein breites Sortiment weiterer Lifestyle-Artikel - vom Spielzeug bis zu Wohnaccessoires. Der Umsatz von lief! lag 2014, wie aus einer Analystenpräsentation hervorgeht, bei 7,2 Mill. Euro. Allerdings schrieb lief! signifikante Verluste, u.a. habe man sich mit der Kindermodekollektion verzettelt, heißt es. Im Sommer kaufte die Kanz Financial Holding schließlich die Markenrechte.

Die Kinderbekleidung wird nun in Lizenz über die Kids Fashion Group produziert, jener Gruppe, in der die KFH ihre Kindermodelabels zusammenfasst. Die Mode ist nicht mehr allein orderbar, Kunden müssen aus dem gesamten Sortiment ordern und eine Mindestfläche von rund zehn Quadratmetern bespielen. Nach und nach sollen lief!-Shops zudem in die eigenen Läden der Gruppe, den 50 Sons& Daughters (S&D)-Filialen integriert werden. Das Sortiment setzt sich sonst aus einer Auswahl der 15 Labels der Gruppe zusammen: den Lizenz-Linien Steiff Collection und Mare O'Polo Junior, dazu unter anderem Kanz, bellybutton, Lemmi, Königsmühle und Döll. Durch die Verbindung von Modeartikeln mit Accessoires und Spielwaren soll die Verweildauer von Familien auf der Fläche deutlich erhöht und zudem zusätzliche Frequenz unabhängig vom saisonabhängigen Modegeschäft geschaffen werden.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Übernahme des Deutschland-Vertriebs von Build A Bear zu verstehen. Dieses Konzept kommt ursprünglich aus den USA: Kinder können sich in den Läden ihren Teddybär aus verschiedenen Einzelteilen zusammenbauen. Shoppen mit Entertainment und  Erlebnischarakter. 18 Filialen gibt es derzeit in Deutschland. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Konzept auch in andere KFH­Retail-Flächen integriert wird, mit dem Ziel, eine Erlebniswelt "rund ums Kind" zu schaffen. Nicht umsonst denkt man in Pliezhausen intensiv darüber nach, die Markenwelt von Steiff, dem nach Kanz umsatzstärksten Label der Holding, deutlich auszuweiten.

Auch im Ausland wurde die Retail-Expansion im vergangenen Jahr vorangetrieben. Über die italienische Tochtergesellschaft Idea Srl kaufte die Holding 60 Geschäfte der Olimpias-Kette, einem Multilabel-Kindermodehandelskonzept, von der Benetton Group. So sollte nicht zuletzt auch der Umsatz der Lizenzmarken Miss Sixty, Murphy&Nye und Energy gesteigert und die defizitäre Tochter wieder auf Kurs gebracht werden. Der Konzernbericht weist für die Idea Srl für das Geschäftsjahr 2012/13 einen Verlust von 2,6 Mill. Euro aus.

Die weitere Filialisierung ist für einen Kindermodespezialisten von der Größe der KFH nur konsequent. Laut dem zuletzt veröffentlichten Konzernabschluss erlöste das Unternehmen im Geschäftsjahr 2013/14 (30.4.) rund 72,5 Mill. Euro. Über 70% des Umsatzes werden in Deutschland erzielt. In einem Markt also, der sich bekanntlich weiter konsolidiert. In dem gerade kleinere Fachgeschäfte es oft schwer haben, sich gegenüber der preisaggressiven Konkurrenz vertikaler Filialisten wie H&M, C&A und Co. zu behaupten. Nicht wenige Modehäuser schließen ihre Kindermodeflächen, um Platz für umsatzstärkere, vor allem sich schneller drehende Ware zu schaffen. Als Produzent von Kindermode macht es da nur Sinn, über den eigenen Retail die Wertschöpfungskette zu sichern.

Und das auf allen Kanälen. Der Ausbau des Multichannel-Handels steht auch bei der KFH oben auf der Agenda für dieses Jahr. Alle Online-Aktivitäten der Gruppe sollen zusammengeführt werden. Bislang gehören fünf Onlineshops zum Portfolio: das Outletportal Bf4k, Kidelo, Pampolina und Spielwarentraum.de. Außerdem ist die KFH an dem Premium-Onlineshop 4little mit 42% beteiligt. Die Plattform wurde von den führenden deutschen Premium-Kindermodehändlern Baby Kochs (Düsseldorf) gemeinsam mit Pfüller (Frankfurt) sowie Korbmayer (Stuttgart) und Wirth (Mainz) gegründet. Im Geschäftsjahr 2013 wurde ein Verlust von 314.000 Euro erwirtschaftet. Eine Bündelung aller Online-Aktivitäten unter dem Dach von 4little wäre durchaus vorstellbar.

Auch auf den Flächen will die KFH künftig eine aktivere Rolle übernehmen. In fünf Pilothäusern trainiert sie derzeit das aktive Flächenmanagement. Vor allem aber möchte man sich dem Wholesale, nachdem man im Baby- und Kleinkindbereich zu den Category-Leadern zählt, nun auch als verlässlicher Partner im Kids- und Juniorbereich präsentieren.

Das Segment wird innerhalb der Holding in der Junior Brands Group (JBG) zusammengefasst, mit den Labels Lemmi und Mare O'Polo Junior sowie den eher für den italienischen Markt relevanten Labels. Langfristig plant man aber auch im Kids- und Juniorbereich Händlern komplette "Junior"-Pakete anzubieten. Eben alles rund ums Kind: vom Baby bis zum Teenie.

 

TextilWirtschaft Januar 2016